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  Mobbing : zu eurem Artikel "Veränderung"
Posted by Heidemarie on 07.06.2005 09:24 (2475 reads)
Hallo!
Als ehemaliges Mobbingopfer (ich bin 37, wurde aber während meiner gesamten Schulzeit gemobbt) war ich über euren Artikel "Veränderung" schockiert. Was habt ihr euch bloß dabei gedacht?

1) Dem Opfer wird geraten, es solle die Sache nicht so ernst nehmen. Ihr fragt, was denn so schlimm daran sei, wenn man Streber genannt würde oder wenn Mitschüler Gerüchte über einen in die Welt setzen würden.
Es ist vielleicht etwas viel von einem Schüler verlangt, auf böse Bemerkungen gelassen zu reagieren. Außerdem: Natürlich kann man das Wort "Streber" als Kompliment ansehen, wenn man will. Das Problem ist nur, dass das nichts daran ändert, dass es als Schimpfwort gemeint war.

2) Verbale Attacken sind nicht alles, was Opfer erdulden müssen. Sonst hätte ich mich bestimmt mit Worten wehren können. Aber ich wurde (zusätzlich) geschlagen, mit Kies beworfen (der lag an der Bushaltestelle), und mir wurden auch die Sachen weggenommen.
Wie soll man auf solche Dinge gelassen reagieren?

3) Ihr verlangt, dass das Opfer sich in die Psyche des Täters einfühlt. Es soll erkennen, dass dieser eigentlich selbst arm dran ist, und sich vielleicht sogar noch schämen, weil es auf den Täter wütend ist.
Dabei leiden Mobbingopfer sowieso schon unter Schuldgefühlen. Sie wissen schließlich, dass es anderen Mitschülern nicht so ergeht wie ihnen, und schämen sich ihrer Wehrlosigkeit. Das Opfer fragt sich nämlich nicht nur: "Wie kann ich mir helfen?", sondern auch: "Warum ich? Was habe ich falsch gemacht?"
Um die Opfer aufzurichten, wäre es viel wichtiger, ihnen zu vermitteln, dass ihnen Unrecht geschieht, und dass nicht sie, sondern die Mobber schuld an ihrem Unglück sind. Beides muss auch den Zuschauern vermittelt werden.
Denn die Täter könnten jederzeit aufhören!

4) Ihr nehmt die Täter in Schutz, indem ihr davon ausgeht, sie hätten selbst Minderwertigkeitskomplexe und würden durch Mobbing ihren Frust abbauen. Das mag in wenigen Fällen so sein. Leider ist es oft ganz anders:
Die meisten Mobber quälen ihr Opfer nicht als Sündenbock, sondern weil es ihnen Spaß macht. Viele (zumindest kleinere) Kinder denken sich oft gar nichts dabei. Schließlich geschieht es äußerst selten, dass ein Erwachsener (Lehrer, Erzieher, Eltern) etwas dagegen sagt, und wenn, dann wird die Sache verharmlost. Ich habe selbst erlebt, wie ein fünfjähriger Junge auf die Frage, warum er ein anderes Kind geboxt habe, ganz locker antwortete: "Ich wollte ihm auf´s Maul hauen." Er war sich keiner Schuld bewusst!
Das liegt sicher z.T. am schlechten Fernsehen, aber auch daran, dass die verantwortlichen Erwachsenen zu lasch mit dem Problem umgehen (man verharmlost die Sache als Dummejungenstreich oder erklärt sie mit seelischen Problemen des Täters). Oft reagieren die Erwachsenen auch gar nicht, selbst wenn sie (z.B. als Erzieher im Kindergarten) daneben stehen. Die Kinder (Täter, Opfer und Zuschauer) denken dann, dass Mobbing toleriert wird, dass also nichts dabei ist, wenn man Schwächerer quält. Das Opfer merkt, dass es allein steht.

Warum aber haben Mobber Spaß am Mobbing? Es ist ganz einfach nur ein lustiges Spiel, ähnlich vergüglich wie ein Kinobesuch, aber billiger zu haben. Sie haben mit Bedacht ein "Objekt" ausgewählt, das körperlich schwach, ängstlich, traurig oder einsam ist, von dem also keine ernsthafte Gegenwehr zu erwarten ist. Dafür ist es nach wenigen Malen so verstört, dass es selbst bei harmlosen Attacken mit Panik reagiert.
Mobben ist darum einem Computerspiel vergleichbar, bei dem der Spieler nichts riskiert, mit geringem Aufwand (wie einem Mouseclick) jedoch eine ungeheure Wirkung erzielen kann.
Außerdem ist Mobben ein "Gesellschaftsspiel", denn häufig ist es nicht ein, sondern mehrere Täter, die z.B. darum wetteifern, wer das Opfer am schnellsten zum Weinen bringt.

Solange die Täter nicht von selbst begreifen, wie menschenverachtend ihr Verhalten ist, und solange sie keine negativen Konsequenzen zu befürchten haben, solange werden sie keinen Grund haben, mit ihrem "Spiel" aufzuhören. Zur Vermittlung beider Tatsachen sind Eltern, Lehrer und Erzieher zuständig.



 
 
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